Ohne Frauenbonus geht’s auch

Die ersten Schritte einer Jungjägerin

 

Schö­ner kommt dir dein ers­ter Bock nicht.” Die­se Wor­te hal­len noch in mei­nem Ohr nach, dann geht alles ganz schnell. Mein Fin­ger berührt den Abzug, ich las­se die Kugel flie­gen, der Bock springt ab. Fra­gend schaue ich mei­nen Papa an. “Habe ich gefehlt?” Er schmun­zelt “Nein, der Bock hat gezeich­net. Atme erst­mal durch, dann gehen wir zum Anschuss.” Auf die­sen Moment habe ich also all die Mona­te hin­ge­ar­bei­tet, dafür habe ich die Bücher gewälzt und eini­ge blaue Fle­cken vom Schieß­trai­ning ein­ge­steckt. 6 Mona­te hat die Vor­be­rei­tung auf den Jagd­schein gedau­ert, dann Prü­fung und jetzt end­lich hal­te ich den Jagd­schein in Hän­den. Zum letz­ten Mal gehe ich zusam­men mit mei­nem Papa auf den Hoch­sitz, wir tei­len die­ses Erleb­nis mei­nes “ers­ten Bocks”, künf­tig wer­den wir uns auf­tei­len und trotz­dem wer­den wir gemein­sam zur Jagd gehen.

Mein Vater ist seit eini­gen Jah­ren Jäger, seit etwa drei Jah­ren nutz­te ich die frei­en Wochen­en­den, die ich mit ihm ver­brin­ge, um mit auf Ansitz zu gehen. Immer wenn er mich ermu­tigt hat­te den Jagd­schein zu machen, wink­te ich ab. Auf­bre­chen trau­te ich mir nicht zu und ich fin­de, ent­we­der man ist ein „rich­ti­ger“ Jäger oder man lässt es blei­ben. Einen “Frau­en­bo­nus” woll­te und will ich nicht. Außer­dem reich­te es mir, dabei zu sein und mit mei­nem Papa zusam­men die Ruhe zu genie­ßen. Irgend­wann pack­te mich dann doch der Ehr­geiz, wobei mein Ego nicht nach “Beu­te machen” geschrien hat, son­dern viel mehr nach dem Wis­sen, mit dem mich mein Vater seit sei­ner Jäger­aus­bil­dung immer wie­der beein­druckt. Als Frau den Jagd­schein zu machen ist nach wie vor nicht all­täg­lich. Wobei die Anzahl der Jäge­rin­nen steigt. War vor zwan­zig Jah­ren nur ein Pro­zent der Jäger Frau­en, sind es mitt­ler­wei­le fast zehn Pro­zent. Wir Waid­frau­en sind also immer noch in der Min­der­heit, doch die Jagd wird zuneh­mend auch zu unse­rer Pas­si­on. Und trotz­dem erzäh­len vie­le Jäge­rin­nen, dass auch sie für den Schritt, Jäge­rin zu wer­den, nicht nur aner­ken­nen­de Bli­cke von der Umwelt bekom­men haben.

Wenn ich mei­ne Beweg­grün­de erklä­ren kann, lässt das Unver­ständ­nis zumin­dest ein wenig nach. War­um ich ganz per­sön­lich die Aus­bil­dung gemacht habe? Ich suche die Ruhe. Neben mei­nem for­dern­den Berufs­all­tag suche ich schon seit Jah­ren die Ent­span­nung in der Natur. Als Waid­frau ver­ste­he ich mich als Natur­schüt­ze­rin. Wer nicht weiß, wie viel die Waid­män­ner für die Natur tun, hat sich mei­ner Mei­nung nach noch nicht wirk­lich mit dem The­ma aus­ein­an­der gesetzt. Und, ganz ehr­lich: nir­gends habe ich schö­ne­re Son­nen­auf- und unter­gän­ge erlebt, nir­gends kön­nen mei­ne Gedan­ken so schwei­fen, wie auf dem Hoch­sitz. Das Erle­gen ist für mich nicht ent­schei­dend, ob ein Ansitz erfolg­reich war oder nicht. Schon das Erleb­nis zählt. Selbst­ver­ständ­lich gehört aber auch das Gewin­nen eines wert­vol­len Lebens­mit­tels für mich dazu. Ich gebe zu, ich esse ger­ne. Naja, eigent­lich esse ich vor allem ger­ne gut. Und auch wenn Wild­fleisch kein Bio-Zer­ti­fi­kat hat, gibt es für mich kein Fleisch, das mehr Bio ist als Wild. Mein Sonn­tags­bra­ten ist Genuss pur und ver­bun­den mit einem guten Gewis­sen. Und last but not least: die Tra­di­ti­on. Die­se Jäger sind ein ganz eige­nes Völk­chen, hat man mich vor­ge­warnt. Und ja, das sind sie… Moment, das sind wir. Denn ich zäh­le mich dazu, seit­dem ich voll Stolz mei­nen Jäger­brief über­reicht bekom­men habe. Wenn ich mei­nen Jagd­hut mit den Federn als ers­te Jagd­tro­phä­en auf­set­ze, die Jagd­hör­ner die Stre­cke ver­bla­sen, wenn die tie­fen Män­ner­stim­men ein „Hor­ri­do” anstim­men, dann ist das ein­fach Gemein­schaft und ich bin in mei­nem Ele­ment.

Trotz­dem lie­gen Frau­en eini­ge Stol­per­stei­ne beim Ein­stieg ins Jäger­le­ben im Weg. Es beginnt schon mit der rich­ti­gen Beklei­dung. Lie­be Ver­käu­fer, es ist nicht egal und ich möch­te nicht in Män­ner­kla­mot­ten rum­lau­fen, weil die “genau­so für Frau­en funk­tio­nie­ren”. Ich möch­te Klei­dung, die sitzt und auf mei­ne Bedürf­nis­se abge­stimmt ist. Eini­ge Her­stel­ler haben das schon ver­stan­den und bie­ten wirk­lich gute und schö­ne Jagd­klei­dung an. Schnäpp­chen sind die­se Stü­cke meist kei­ne, und mit Her­ren­be­klei­dung ver­glei­chen darf man sie natür­lich auch nicht. Und auch man­chen Spruch muss frau weg­ste­cken kön­nen, wenn sie als Jung­jä­ge­rin Fra­gen zu Kali­ber, Labo­rie­rung und Co. stellt. Aber ande­rer­seits habe ich auch schon vie­le posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen gera­de von “gestan­de­nen” Jägern bekom­men, die Frau­en als Mit­jä­ger schät­zen und über­haupt kei­nen Unter­schied zwi­schen Jäger und Jäge­rin machen. Und so manch ein Jäger in mei­nem Umfeld spricht von einem Vor­teil, den alle Jäge­rin­nen haben: Sie kom­men wesent­lich leich­ter an Ein­la­dun­gen zu Gesell­schafts­jag­den und sind in vie­len Män­ner­run­den sel­te­ne aber gern gese­he­ne Gäs­te. Also ist nicht alles schlecht als Jäge­rin.

Ans Auf­bre­chen mei­nes ers­ten Bocks geht es mit Gum­mi­hand­schu­hen und einem von Papas guten Mes­sern. Beim Schloss hilft mein Vater, ansons­ten kom­me ich allei­ne zurecht. Ich brau­che nur ein wenig Anlei­tung und Unter­stüt­zung, wie ver­mut­lich jeder der aktu­ell ins­ge­samt ca. 16 300 Jung­jä­ger der vol­ler Adre­na­lin vor sei­nem ers­ten Bock steht und noch gar nicht so recht weiß, wo er begin­nen soll. “Aber es wird von Mal zu Mal ein­fa­cher.” höre ich mei­nen Vater sagen und ich freue mich, dass ich das Jagen für mich ent­deckt habe.

Ver­fasst von Kat­rin Plew­ka | Jung­jä­ge­rin

Kat­rin Plew­ka ist seit Okto­ber 2017 Jung­jä­ge­rin. Mit der Jagd hat sie mehr als ein­fach nur ein neu­es Hob­by. Drück-, Treib­jag­den und nächt­li­che Pirsch­gän­ge — Kat­rin erkun­det gera­de mit vol­ler Jung­jä­ger-Begeis­te­rung die ver­schie­de­nen Facet­ten des Jagens. Als frü­her Vogel liebt sie die mor­gend­li­chen Ansit­ze im Revier ihres Vaters. Sie führt eine Sau­er 202.

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