Muuuss probieren!” — Auf Bockjagd in Polen

Tim, du gut schties­sen, muuuss pro­bie­ren!“ Die­sen Satz habe ich in den letz­ten acht Jah­ren bis­her immer als Ant­wort bekom­men, wenn ich Pawels fra­gen­den Gesichts­aus­druck nach einem kur­zen Blick durchs Fern­glas mit einem ver­nei­nen­den „zu weit“ beant­wor­tet habe. Zuge­ge­ben, ich habe zusam­men mit mei­nem her­zens­gu­ten Jagd­füh­rer wäh­rend der Blatt­zeit in Polen schon so man­chen Kunst­schuss hin­le­gen kön­nen, aber 380 Meter sind dann doch etwas zu viel des Guten. „Spa­zie­ren“? „Ok“, sage ich und fra­ge mich beim ers­ten Schritt Rich­tung Bock wie immer, wo ich mich auf den Stop­peln die­ses rie­si­gen Ackers vor den wachen Augen der Ricke ver­ste­cken soll…

Polen ist nur ein­mal im Jahr

Unse­re all­jähr­li­che Polen­rei­se hat mitt­ler­wei­le Tra­di­ti­on. Wäh­rend sich mei­ne Teil­nah­me erst durch den Kauf mei­ner Rot-Wei­ßen-Set­ter-Hün­din und sich der dar­aus erge­be­nen Freund­schaft zu ihrem Züch­ter erge­ben hat, fährt die­ser, inklu­si­ve sei­ner jagd­ver­rück­ten Fami­lie und sei­ner eige­nen bes­ten Freun­de, bereits gute 20 Jah­re in die klei­ne Stadt Kęp­no in Groß­po­len. Von einem Auf­bruch ins Unbe­kann­te, wie bei so vie­len ande­ren Jagd­rei­sen, kann also längst kei­ne Rede mehr sein: Wir ken­nen das Revier und wel­che jagd­li­chen Her­aus­for­de­run­gen die­ses jedes Mal aufs Neue an uns stellt mitt­ler­wei­le nur all­zu gut. Genau­so gut ken­nen wir auch unse­re Jagd­füh­rer und teil­wei­se auch deren Fami­li­en, die uns jedes Jahr mit einer Herz­lich­keit und Gast­freund­schaft bei sich auf­neh­men die ihres­glei­chen sucht. So kommt es dann schon mal vor, dass beim „Kawa“ nach der mor­gend­li­chen Pirsch plötz­lich der Enkel eines Jagd­füh­rers auf unse­ren müden Bei­nen ein mun­te­res Pro­be­sit­zen ver­an­stal­tet und wir uns spä­ter bei der Ver­kos­tung von Schwie­ger­va­ters Selbst­ge­brann­ten inklu­si­ve Wild­schwein­gril­len in des­sen Gar­ten wie­der­fin­den. Pol­nisch spricht bis auf ein paar Wör­ter kei­ner von uns. Ver­stän­digt wird sich mit gebro­che­nem Deutsch oder eben Pol­nisch, ganz sel­ten ein wenig Eng­lisch und wenn es nötig ist auch mit Hän­den und Füßen. Völ­ker­ver­stän­di­gung kann so ein­fach sein.

Irgend­was ver­gisst man immer

Es ist 13:30 Uhr als wir in Kęp­no ankom­men. Die acht-stün­di­ge Auto­fahrt hat wie immer ihre Spu­ren hin­ter­las­sen, als wir unser Quar­tier bezie­hen, in die­sem Jahr ein neu­es Hotel am Stadt­rand. An Mit­tag­schlaf denkt jedoch kei­ner von uns, die Vor­freu­de auf den ers­ten Pirsch­gang ist viel zu groß. Also set­zen wir uns unter einen der zahl­rei­chen gro­ßen Son­nen­schir­me im Bier­gar­ten des Hotels. In der Mit­tags­son­ne lässt es sich nur schwer aus­hal­ten, das Ther­mo­me­ter zeigt 37 Grad im Schat­ten an. Als unse­re Jagd­füh­rer mit­samt des Prä­si­den­ten des Jagd­clubs gegen 17:00 Uhr ein­tref­fen, beginnt das ganz gro­ße Hal­lo. Mit einem ein­fa­chen Hän­de­schüt­teln kommt hier kei­ner davon. Nach­dem die Begrü­ßungs­or­gie und die For­ma­li­tä­ten been­det sind, kann es end­lich los­ge­hen. „Tiiim, Zeit,“ ruft mir Pawel ent­ge­gen und tippt dabei bestim­mend auf die nicht vor­han­de­ne Arm­band­uhr an sei­nem Hand­ge­lenk. Er hat Recht, umzie­hen müss­te man sich eigent­lich schon längst. Auf dem Zim­mer stel­le ich schnell fest, dass mal wie­der eini­ges zuhau­se lie­gen­ge­blie­ben ist: Mei­ne leich­ten Black Eagle Natu­re Pirsch­stie­fel von Haix sind nir­gends zu fin­den, wohl aber mei­ne neu­en Haix Natu­re One GTX. „Macht nix“, den­ke ich mir. Die extrem robus­ten Stie­fel konn­te ich bereits im hei­mi­schen Revier aus­gie­big tes­ten und war ohne­hin sofort ver­liebt. Wer auf ver­nünf­ti­ges Schuh­werk genau soviel Wert legt wie ich, soll­te unbe­dingt das im Herbst erschei­nen­den Modell antes­ten! Die Lynx-Hose von Swed­team ist zum Glück nicht zuhau­se geblie­ben. Ich hat­te kurz vor der Rei­se noch ver­zwei­felt nach einer leich­ten Pirsch­ho­se gesucht, die genü­gend Bewe­gungs­frei­heit garan­tiert, trotz­dem ver­nünf­tig sitzt und vor allem ein paar Belüf­tungs­ver­schlüs­se hat, damit einem das Was­ser nicht schon nach den ers­ten Schrit­ten bis zum Gür­tel steht. Schnell noch den Capreo­lus Blat­ter von Raub­zeug um den Hals gehan­gen und ich has­te zurück zu Pawel, der bereits unge­dul­dig im Auto auf mich war­tet. Ich wün­sche den ande­ren noch schnell Waid­manns­heil und bin bereits 10 Minu­ten spä­ter mit­ten im Revier.

Gut geschätzt

Wirk­lich viel Anblick haben wir in der ers­ten Stun­de nicht. Wir fah­ren über Sand­we­ge zwi­schen klei­nen Mais­schlä­gen und rie­si­gen Wei­zen­fel­dern, durch die alt­be­kann­ten Ecken des Reviers, die hin und wie­der durch ein­zel­ne, klei­ne Wäld­chen geteilt wer­den. Als wir gera­de aus einem sol­chen her­aus­fah­ren, sehe ich etwas auf dem gegen­über­lie­gen­den Acker. „Stop“, rufe ich Pawel zu und er geht voll in die Eisen. Prompt habe ich Uschi, mei­ne Set­ter Hün­din, halb auf dem Schoß hän­gen, wäh­rend mei­ner Frau von der Rück­bank ein amü­sier­tes „Mei­ne Fres­se…“ über die Lip­pen geht. Wir sor­tie­ren uns kurz und ich bli­cke durch mein Zeiss Vic­to­ry, des­sen Ent­fer­nungs­mes­ser hier unver­zicht­bar ist. Was ich sehe ist etwas röt­li­ches, mehr nicht. Ich tip­pe aber auf einen Bock, genaue­res kann ich auf 460m nicht sagen. Wir müs­sen also näher ran! Glück­li­cher­wei­se haben wir ein wenig Deckung und so lau­fen Pawel und ich gebückt durch hohes Gras los in Rich­tung Bock, bis uns ein Was­ser­gra­ben den Weg abschnei­det. End­sta­ti­on. Ich setz­te mich hin und bli­cke noch­mals durch’s Zeiss: 160m. Tat­säch­lich ein Bock. Doch bevor Pawel sei­ne magi­schen Wor­te spre­chen kann, sage ich nur „zu jung“. Da er sein Glas mal wie­der im Auto hat lie­gen las­sen beant­wor­te ich sei­ne fra­gen­den Bli­cke mit „klei­ne Bock, 2 Jah­re.“ Das The­ma ist durch. Also erhe­ben wir uns und schau­en noch­mal Rich­tung Bock, der uns in die­sem Moment eben­falls eräugt hat und tat­säch­lich die Ruhe besitzt sich erst ein­mal nie­der­zu­tun. „Gut“, den­ke ich, „mit der Alters­schät­zung hast du dich sicher nicht ver­tan, „alt ist der sicher nicht.“ Wir stap­fen zurück Rich­tung Auto und die Fahrt geht wei­ter. Tat­säch­lich sehen wir bis zur Däm­me­rung so gut wie kein Reh­wild mehr. Wir hat­ten bereits über die Hit­ze phi­lo­so­phiert und die bei­den Wör­ter „Bock schla­fen“ fie­len mehr als ein­mal. Am ers­ten Abend kein Waid­manns­heil zu haben ist kein Bein­bruch. So ist Jagd eben. Wenn es immer lau­fen wür­de, wäre es auch lang­wei­lig. Trotz­dem, ein Bock am ers­ten Abend hebt gene­rell die Stim­mung, denn ob die ande­ren Beu­te machen konn­ten, weiß ich bis dahin noch nicht. Als das Büch­sen­licht wei­ter abnimmt, pro­bie­ren wir es an einer letz­ten Ecke. Wir fah­ren einen schma­len Sand­weg ent­lang, links von uns eini­ge klei­ne­re Wie­sen, durch­zo­gen von Hecken, rechts von uns ein schma­ler Strei­fen Mais. Als die­ser plötz­lich zu Ende ist, tut sich auf die­ser Sei­te eine rie­si­ge Wie­se auf. Mit­ten dar­auf ein Schlag Schilf und davor ein Bock. Ein star­ker Bock. Und älter ist er auch, soviel kann ich bereits mit dem blo­ßen Auge erken­nen. Ich tip­pe in der vor­an­schrei­ten­den Däm­me­rung auf etwa 130 Meter Schuss­ent­fer­nung, für län­ge­res Anspre­chen durch das Zeiss ist kei­ne Zeit. Ich öff­ne lei­se die Bei­fah­rer­tür und las­se mich aus dem Sitz her­aus­glei­ten, lau­fe um das Heck des Pajeros und gehe am lin­ken Kot­flü­gel in die Hocke. Die Akti­on treibt mir bereits den Schweiß auf die Stirn. Es ist halb neun und immer noch 29 Grad. Näher ran kom­me ich in kei­nem Fall, Deckung gibt es wie so oft kei­ne. Da ich auch kei­nen Pirsch­stock besit­ze – zwei Mal schlecht geschos­sen und das The­ma war für mich durch – muss ich mal wie­der erfin­de­risch wer­den. Mitt­ler­wei­le habe ich ange­fan­gen von Pawels Schul­tern und Rücken, mei­nen Kni­en, Bäu­men und Sträu­chern so ziem­lich alles als Auf­la­ge miss­braucht, da bin ich recht krea­tiv. Heu­te muss es wohl die Stoß­stan­ge wer­den den­ke ich, will auf­le­gen und stel­le fest: Die Kar­re hat gar kei­ne. „Dann eben eine Eta­ge höher“, den­ke ich und lege auf der Ecke der Motor­hau­be an. Ich schaue durchs Ziel­fern­rohr und sehe: Nichts. Wobei, das ist nicht ganz rich­tig. Ich sehe genau so viel, wie nach einer Fla­sche Wod­ka und ein paar Piwo. Alles ist ver­schwom­men. „Was soll denn der Scheiß?“ Ich fan­ge an die Optik zu bear­bei­ten und dre­he wie wild am Diop­trin­aus­gleich, mit dem Ergeb­nis, dass alles noch viel schlim­mer wird. „Oh“, den­ke ich, „das wären dann zwei Fla­chen Wod­ka… Ob es an der neu­en Bril­le liegt? Egal, dann muss ich halt schät­zen.“ Der Bock ist zumin­dest in sei­nen Umris­sen gut zu erken­nen und steht kom­plett breit. Ich hal­te aufs Blatt und las­se die RWS Speed Tip flie­gen. Der Bock liegt im Knall, das auto­ma­ti­sche Repe­tie­ren war nicht nötig, aber man weiß ja nie. Ich siche­re mei­ne Sau­er 202 Forest und atme erst ein­mal durch, wäh­rend Pawel bereits aus dem Auto springt, und mich mit den magi­schen Wor­ten „Bock kapu­uuut“, lachend in die Arme schließt. Wir war­ten noch 5 Minu­ten und machen uns auf zum Stück. Mitt­ler­wei­le kämpft die Däm­me­rung gegen die tota­le Dun­kel­heit und am Anschuss fin­de ich weder Bock noch Schweiß. Ich weiß, dass das Stück liegt, da bin ich mir sicher. Ich weiß aber auch aus Erfah­rung, dass ich mich bei Däm­me­rung ger­ne mal mit Ent­fer­nun­gen ver­tue. Ziel­lo­ses Her­um­su­chen habe ich mir längst abge­wöhnt. „Schick mal die Uschi,“ rufe ich mei­ner Frau ent­ge­gen, die am Auto geblie­ben ist. Kaum habe ich’s gesagt, fliegt der rote Irr­wisch an mir vor­bei. Das „Such ver­lo­ren“, wel­ches ich ihr noch mit auf den Weg gebe, ist über­flüs­sig. Der Hund weiß genau was zu tun ist. Kei­ne 10 Sekun­den spä­ter und etwa 50 Meter wei­ter als ich den Bock ver­mu­tet habe bleibt der Hund ste­hen, schaut mich an und wedelt so stark mit der Rute, dass man glau­ben könn­te, er wol­le den Bock auf dem Luft­weg ber­gen. Am Bock ange­kom­men neh­me ich zuerst mei­nen Hund in den Arm und lobe sie kräf­tig mit hoher Stim­me, was Uschi mir mit meh­re­ren wil­den und inni­gen Küs­sen im gan­zen Gesicht dankt. Dann lege ich sie ab und betrach­te den Bock. „Mist,“ den­ke ich schmun­zelnd, „der könn­te teu­er wer­den.“ Ich schaue noch schnell in den Äser und spre­che den Recken auf 7 oder 8 Jah­re an. Der Bock bekommt sei­nen letz­ten Bis­sen und ich mei­nen Erle­ger­bruch. Wir bre­chen noch rasch an Ort und Stel­le auf und es geht zurück zum Hotel, wo die ande­ren schon auf uns war­ten. Ich bli­cke in freu­de­strah­len­de Gesich­ter als ich aus dem Wagen stei­ge. Heu­te Abend hat­te jeder Waid­manns­heil. Schö­ner geht es kaum. Am letz­ten Tag bringt der Bock beim offi­zi­el­len Wie­gen der Tro­phä­hen 359 Gramm auf die Waa­ge. Bron­ze­me­dail­le. Spä­ter am Abend wird mir dann auch klar, war­um im Ziel­fern­rohr alles ver­schwom­men war: Die Optik war in Ord­nung. Ledig­lich mei­ne Bril­le war in Fol­ge mei­ner eige­nen Tran­spi­ra­ti­on kom­plett beschla­gen und vol­ler Schweiß­trop­fen.

Ein Bock aus dem Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett

Am nächs­ten Mor­gen klin­gelt der Wecker um 04:30 Uhr. Ich sprin­ge in die Kla­mot­ten vom Vor­tag, erklä­re mei­ner Frau, die sich noch im Halb­schlaf befin­det, sie kön­ne noch locker 20 Minu­ten lie­gen blei­ben und ver­las­se das Zim­mer Rich­tung Auto in dem der Hund über­nach­tet hat. Aus Kom­fort­grün­den sind wir die­ses Jahr mal per VW Mul­tiv­an ange­reist, am meis­ten pro­fi­tiert hat davon augen­schein­lich Uschi, die ich in vol­ler län­ge aus­ge­brei­tet auf ihrer Decke vor­fin­de. Als sie sieht, dass ich schon wie­der in vol­ler Mon­tur vor ihr ste­he, ist alle Müdig­keit ver­ges­sen. Wir sind bereit. Auf dem Weg ins Revier durch­que­ren wir eini­ge klei­ne Dör­fer und genie­ßen die noch eini­ger­ma­ßen küh­le Luft,  die uns durch die geöff­ne­ten Schei­ben von Pawels altem Pajero ent­ge­gen­strömt. Es ist kurz nach 5 Uhr und bereits, oder bes­ser gesagt „immer noch“ 27 Grad. Wir spre­chen nicht viel, son­dern genie­ßen das mor­gend­li­che Pan­ora­ma: Wie­sen soweit das Auge reicht und dar­auf mas­sen­haft Stör­che, auf der Suche nach ihrem Früh­stück. Ein für uns sel­te­ner und dafür umso fas­zi­nie­ren­der Anblick. Irgend­wann bie­gen wir in einen der unzäh­li­gen Sand­we­ge und befin­den uns selbst inmit­ten die­ses Pan­ora­mas. „Ich könn­te ein­fach den gan­zen Tag durch die Gegend fah­ren,“ wird mei­ne Frau am letz­ten Tag unse­rer Polen-Rei­se sagen. Ich weiß genau was sie meint.

Wäh­rend wir vor uns hin­träu­men, sehe ich ganz ent­fernt auf einer der Wie­sen ein paar röt­li­che Fle­cken. Bis ich mich von der Sze­ne­rie um uns her­um lösen und reagie­ren kann, ver­ge­hen eini­ge Augen­bli­cke. „Pawel, stop“, flüs­te­re ich end­lich. War­um ich nicht nor­mal spre­che weiß ich auch nicht so genau, viel­leicht um die Ruhe und Idyl­le um uns her­um nicht zu rui­nie­ren. Ich schaue durchs Zeiss Glas und kann eine Ricke mit zwei Kit­zen und einen Bock auf knapp 380 Meter aus­ma­chen. Um den Bock genau­er anspre­chen zu kön­nen, wechs­le ich aufs Spek­tiv. Ein rei­fer Sech­ser mit mas­si­gen Rosen, der passt, den­ke ich. Aus­nahms­wei­se haben wir auch etwas Deckung: Vor uns, in etwa 120 Meter Ent­fer­nung, lie­gen ein paar alte Stroh­bal­len. Damit wäre die Fra­ge nach der Schieß­auf­la­ge auch direkt geklärt. Also machen Pawel und ich uns erneut in gebück­ter Hal­tung auf den Weg. An den Bal­len ange­kom­men, lege ich kurz mei­ne Waf­fe ab und grei­fe zu mei­nem Glas, um den Bock noch­mals genau­er in Augen­schein zu neh­men. Was dann pas­siert, könn­te kurio­ser nicht sein: Ich erhe­be mich lang­sam aus der Hocke, mein Kopf über­steigt wie in Zeit­lu­pe die Stroh­bal­len. Auf der ande­ren erhebt sich eben­falls ganz lang­sam ein Haupt, nur 10 Meter von mir ent­fernt. Über­rascht schau­en wir uns in die Augen. Danach geht alles ganz schnell: In einem Bruch­teil einer Sekun­de spre­che ich den Bock an, grei­fe nach mei­ner Sau­er, hal­te schräg auf den Stich und las­se flie­gen. Der Bock bricht im Knall zusam­men. Bevor der sich noch immer in der Hocke hin­ter den Stroh­bal­len ver­ste­cken­de Pawel über­haupt weiß, was hier gera­de pas­siert ist, lege ich die Waf­fe auch schon wie­der ab, atme ein­mal tief durch und schaue mei­nen völ­lig ver­wun­dert drein­schau­en­den Jagd­füh­rer lachend an. „Bock kapu­ut“, schmun­zel ich, und haue ihm nach Opas Manier kum­pel­haft mit der fla­chen Hand auf die Schul­ter. Immer noch völ­lig ahnungs­los blickt er der flüch­ten­den Ricke samt Kit­zen und Bock hin­ter­her. Erst als er sich auf­rich­tet, begreift er end­lich. Am ande­ren Ende der Bal­len liegt ein unge­ra­der Sech­ser mit aus­ge­präg­ten Dach­ro­sen. Pawel fasst sich an den Kopf, lässt alles kurz sacken und erwi­dert wort­los mei­nen Schlag auf die Schul­ter. Als wir den Bock genau­er betrach­ten stel­len wir fest, dass die­ser auch noch abnorm ist. Unter­halb der lin­ken Stan­ge zeigt eine Spros­se im 90-Grad-Win­kel nach hin­ten, nur ein oder zwei Zen­ti­me­ter mehr und sie hät­te sich wohl den Trä­ger gebohrt. Ich schaue in den Äser und traue mei­nen Augen nicht: „Ein jun­ger Bock? Unmög­lich! Kann ich mich so getäuscht haben?“ Ich fan­ge an, an mir zu zwei­feln und schaue mir die lin­ke Sei­te des Unter­kie­fers an, die bei­na­he blank ist. So rich­tig ver­ste­hen kann ich es bis dahin nicht, was ich hier sehe, aber eins ist sicher: irgend­was stimmt hier nicht. Nach dem Abko­chen stellt sich her­aus, dass dem Bock im rech­ten Ober­kie­fer der drit­te Prä­mo­lar kom­plett fehlt und auf der lin­ken Sei­te der ers­te Molar kurz davor ist aus­zu­fal­len. Der Bock hat also auf­grund von Zahn­schmer­zen nur auf einer Sei­te gekaut, daher der unre­gel­mä­ßi­ge Abschliff. Wäh­rend Pawel bereits mit Bock auf den Weg Rich­tung Auto ist, dre­he ich mich noch ein­mal um und schüt­te­le unglaub­wür­dig aber mit einem Lächeln auf den Lip­pen den Kopf. „Kuri­os“, den­ke ich.

Wo eine Ricke ist, muss auch ein Bock sein

Sobald der Bock sicher ver­staut ist, geht es direkt wei­ter. Wäh­rend wir wei­ter durchs Revier fah­ren, erzäh­le ich mei­ner Frau, was mir da gera­de pas­siert ist. Reh­wild sehen wir zunächst kei­nes mehr. Es ist mitt­ler­wei­le halb 8 Uhr und es geht stramm auf die 30 Grad zu. Die Mor­gen­son­ne ist bereits etwas unan­ge­nehm und ich den­ke mir, bes­ser kön­ne es nicht wer­den, da kön­nen wir genau­so gut zurück fah­ren, auf die ande­ren war­ten und in Ruhe früh­stü­cken. Wir pas­sie­ren einen frisch gepflüg­ten Acker, auf der Wie­se dahin­ter sehe ich ein Stück Reh­wild. Das heißt, ich sehe Haupt und Trä­ger, der Rest des Kör­pers wird von dem klei­nen Wäld­chen ver­deckt, das Acker und Wie­se trennt. „Mama“ sage ich und gebe Pawel damit zu ver­ste­hen, dass es sich um eine Ricke han­delt. Er will trotz­dem mal nach­schau­en und zeigt auf mei­nen Raub­zeug Blat­ter. „Spa­zie­ren“. Wir stei­gen aus und bewe­gen uns lang­sam auf das klei­ne Wald­stück zu, dass uns vor den wachen Bli­cken der Ricke schützt. Ich glau­be nicht so recht an einen Erfolg, tue Pawel aber den Gefal­len und schi­cke ein paar Fiep­tö­ne durch den Blat­ter. Nichts. Ich dre­he mich um in Rich­tung Auto und will mich bereits auf den Rück­weg machen, da sehe ich eine Hand aus dem Auto win­ken die Rich­tung Wäld­chen zeigt. „Was jetzt?“ den­ke ich mir und pir­sche lang­sam auf die ande­re Sei­te des schma­len Wäld­chens zu und gehe nur Sekun­den spä­ter blitz­ar­tig in die Hocke. Ein Bock kommt an der Wald­kan­te ent­lang lang­sam auf uns zu. Selbst ohne mein Zeiss sehe ich, dass der Bur­sche ver­dammt hoch auf hat und sicher um die 6 Jah­re sein muss. Pawel und ich machen uns hin­ter der ein­zi­gen Deckung die wir haben, ein klei­ner Busch aus Bren­neseln und Brom­bä­ren, immer klei­ner je näher der Bock kommt. Dann ver­harrt er. „Hat er uns viel­leicht mit­ge­kriegt?“ Ich schi­cke noch­mals 2 kur­ze Fiep­tö­ne durch den Blat­ter und der Bock setzt sich erneut in Bewe­gung. Mög­lich­kei­ten zum Schie­ßen sehe ich kei­ne. Auf eine Hara­ki­ri-Akti­on habe ich kei­ne Lust. Wenn’s nicht passt, dann ist es eben so. Pawel deu­tet der­weil immer wie­der auf sei­ne Schul­ter. Aber für einen Schuss müss­ten wir erst ein­mal über unse­re Deckung schau­en kön­nen und dabei wür­de uns der Bock sofort eräu­gen. Zumal kommt er immer noch spitz auf uns zu. Für mich gibt es in die­sem Moment nur eine Mög­lich­keit: Auf­ste­hen und sehen, was pas­siert. Viel­leicht stellt er sich irgend­wie pas­send, oder legt eine kur­ze Flucht hin und hält dann noch­mal inne. Tut er aber nicht. Mein Ober­kör­per ist noch nicht ganz hin­ter der Deckung her­vor­ge­kom­men, da ergreift der Bock auch schon die Flucht, flüch­tet spitz von uns weg und ver­schwin­det links in das schma­le Wäld­chen. Pawel zieht mich sofort instink­tiv zur ande­ren Sei­te und tat­säch­lich, der Bock schießt auf den Acker. Ich lege auf der Schul­ter mei­nes Jagd­füh­rers an und war­te dar­auf, dass der Bock sich noch­mal umschaut. Das tut er dann auch schei­ben­breit auf etwa 80 Meter und ich las­se erneut flie­gen. Der Bock bricht im Knall zusam­men, hebt noch ein­mal das Haupt und ver­en­det am Anschuss. Dabei bin ich fast sicher, nicht 100 pro­zen­tig gut abge­kom­men zu sein. Mei­ne Ver­mu­tung ist rich­tig: Tief­blatt. Das Speed Tip Geschoss konn­te jedoch erneut über­zeu­gen und hat den Bock trotz der Tref­fer­la­ge an den Anschuss gebun­den. Wir ber­gen den unge­ra­den Sech­ser mit den lan­gen Stan­gen und machen uns auf den Weg in Rich­tung Auto. Der Mor­gen ist gelau­fen, bes­ser geht’s nicht. Uschi teilt mei­ne Freu­de und wälzt sich erst ein­mal tief zufrie­den auf der Wie­se hin und her. Wir laden den Bock ein und machen uns auf den Heim­weg. Beim wohl­ver­dien­ten Früh­stück habe ich noch so eini­ges kurio­ses zu erzäh­len.

 

Spa­zie­ren”

Der Abend und der nächs­te Tage ver­lau­fen aus jagd­li­cher Sicht eher unspek­ta­ku­lär: Abends las­sen sich nur weib­li­che Stü­cke mit ihrem Nach­wuchs bli­cken, am Tag dar­auf wird es noch­mals etwas hei­ßer und das Wild ver­zich­tet an die­sem Tag kom­plett auf ein Son­nen­bad. Wir nut­zen den Mit­tag für einen Besuch in Frei­bad und fie­bern dem nächs­ten Tag ent­ge­gen, an dem es end­lich etwas küh­ler wer­den und auch ein paar kur­ze Schau­er geben soll. Genau­so kommt es auch. Am Mor­gen sind wir sogar auf unse­re dün­nen Fleece­pull­over von Nort­hern Hun­ting ange­wie­sen, die per­fekt für die unge­wohn­te mor­gend­lich fri­sche geeig­net sind. Zunächst las­sen sich erneut nur weib­lich Stü­cke bli­cken, bis wir an eine etwa 500 Meter lan­ge Wie­se gelan­gen die links und an der Stirn­sei­te kom­plett von Wald ein­ge­rahmt ist, die rech­te Sei­te grenzt an einem schier end­los­lan­gen Stop­pel­acker, des­sen Ende wohl erst hin­ter einer weit ent­fern­ten Kup­pe liegt. Zwei Stü­cke Reh­wild, ein Bock und eine Ricke, ste­hen genau vor Kopf in etwa 450 Meter Ent­fer­nung und erneut heißt es „spa­zie­ren“. Auf den ers­ten 30 Metern kön­nen wir uns an der Wald­kan­te ent­lang­pir­schen, die uns ein wenig Deckung gibt, doch dann ste­hen wir erneut auf frei­er Flä­che. Wir set­zen uns und ich über­le­ge, wie wir am bes­ten vor­ge­hen. Schie­ßen kommt von hier aus sowie­so nicht in Fra­ge. Rechts vor uns hat die Wie­se noch­mals einen grö­ße­ren Aus­läu­fer. Den Halb­kreis könn­ten wir uns zu nüt­ze machen, aller­dings hie­ße das auf der ers­ten Hälf­te, dass wir kom­plett auf dem Prä­sen­tier­tel­ler her­um­spa­zie­ren müss­ten. Der Gedan­ke ist noch nicht ganz zu Ende gedacht, da stürmt der Bock plötz­lich Rich­tung Stop­pel­acker, von dem sich anschei­nend ein wei­te­rer Bock in Rich­tung Wie­se auf­macht. Wir nut­zen die Situa­ti­on und lau­fen zügig die Wie­se ent­lang bis wir an die Mit­te des Halb­krei­ses gelan­gen und end­lich vol­le Deckung haben. Wir kön­nen noch beob­ach­ten, wie der Bock sei­nen Kon­kur­ren­ten in den Wald treibt und abschlägt, danach stellt er sich erneut zur Ricke. Nach ein paar wei­te­ren Schrit­ten ver­lie­ren wir ihn durch den Wald aus den Augen. Lei­se lau­fen Pawel und ich auf das Ende des Halb­krei­ses zu. Wir müs­sen vor­sich­tig sein, nicht plötz­lich näher am Bock zu ste­hen als es uns lieb ist. Soll­te er sich in Bewe­gung gesetzt haben, wäh­rend wir uns qua­si blind anpir­schen, könn­te die gan­ze Mühe umsonst gewe­sen sein. Mit ein­fa­cher Zei­chen­spra­che ver­su­che ich Pawel deut­lich zu machen, dass wir uns von jetzt an lang­sam und beson­ders lei­se bewe­gen müs­sen. Wir errei­chen das Ende der Wald­kan­te und wie ich befürch­tet hat­te, ste­hen Bock und Ricke plötz­lich knapp 100 Meter vor uns. Mit­be­kom­men haben sie uns noch nicht. Im Gegen­teil, die bei­den lau­fen in See­len­ru­he auf das ande­re Ende der Wie­se zu und ver­hof­fen plötz­lich schei­ben­breit. Wie­der muss Pawels Schul­ter her­hal­ten und wie­der liegt der Bock trotz Tief­blatt­schuss im Knall. Ein bra­ver Sech­ser, den ich, ohne in den Äser zu schau­en, auf fünf Jah­re anspre­che. Die Son­ne steigt lang­sam über die Kup­pe des Stop­pel­ackers und taucht uns alle in gol­de­nes Licht. Wir las­sen uns Zeit und genie­ßen den Augen­blick. „Schö­ner wird es nicht mehr“ den­ke ich mir und beschlie­ße in die­sem Augen­blick, dass die Jagd für mich vor­bei ist. Pawel hält den Moment für die mög­li­che fol­gen­de Gene­ra­ti­on an Jägern für mei­ne Frau und mich fest. Die­se Erleb­nis­se mit sei­nen Liebs­ten tei­len zu dür­fen, ist sicher für alle Jäge­rin­nen und Jäger das größ­te Glück.

Den letz­ten Tag las­sen wir in Ruhe aus­klin­gen. Auf­re­gend wird es nur noch als die Kom­mis­si­on zum Wie­gen der Tro­phä­en und dem anschlie­ßen­den Abrech­nen erscheint. Zum Glück ist für das nächs­te Jahr noch was übrig geblie­ben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr Beiträge von Jagd
Mehr aus der Kategorie Jagd